"Bitte,
Bitte! Kleben sie es wieder ab. Ich kann es nicht mehr sehen, so
eine tüchtige Frau und so schlecht getroffen."
Mai-Losungen und Friedensparolen, weiß auf
rotem Grund gehörten zum Alltag in der DDR. Heute gibt es dafür
die bunte Werbewelt auf den Plakatwänden.
Nach dem letzten Schlagloch zwischen den Schienen
der Hafenbahn, wo der Verkehr stadtauswärts an Geschwindigkeit
gewinnt, dort kleben die Uschmanns. Sie haben sich Halle geteilt.
Die Hälfte der 400 Plakatwände, die ihr Auftraggeber vermietet,
wird von ihnen bearbeitet. Die Magdeburger Chaussee am Stadtrand
von Halle gehört zu ihrem Revier.
Es ist zugig und laut dort oben auf der Leiter.
Ihre Arbeit sieht leichter aus als sie wirklich ist. Mit ihrem Auto
transportieren sie an einem Klebetag 70 Kilo Leim und bis zu 100
Kilogramm vorgeweichte Plakate. Wenn sie das verarbeitet haben,
sind 50 Werbeflächen frisch beklebt. Dafür stehen sie
im Sommer auch schon mal um 2 Uhr früh am Straßenrand,
um der Hitze des Tages zu entgehen. Im Winter ist die einzige Hilfe
das Frostschutzmittel im Leim, damit die Plakate nicht zu Eis erstarren.
Innerhalb von drei Tagen müssen sie 200 Wände erneuern.
"Da haben wir schon mal 84 am Tag geschafft, aber das waren wir
dann auch. Meine Frau ist danach im Auto eingeschlafen." Anschließend
ist eine Woche frei und die Dekade beginnt von vorn. Bezahlt werden
sie pro geklebtes Plakat. "Manchmal sind leider nur 30% der Flächen
vermietet. Das bringt wenig ein." Fehler dürfen sich Gerd und
Elke nicht erlauben. Nach jeder Klebung fahren die Auftraggeber
mit einem Fotoapparat zur Kontrolle die Strecke ab.
Im vorbeirauschenden Verkehr scheinen sie eher
einsam bei der Arbeit. "Doch es gibt Tage, an denen Kraftfahrer
nach dem Weg fragen, ältere Menschen gern ein Schwätzchen
machen möchten und auch Leute mit der Bierdose ihr Herz bei
uns ausschütten." Als sie ein Plakat mit Che Guevara klebten,
gab es viele Interessenten, die gern ein Exemplar haben wollten.
"Der sah ja wirklich klasse aus. Auch bei Schumi kamen viele Fans."
Ganz anders ging es der Frau, die aus ihrem Fenster direkt auf eine
Plakatwand schaute. Sie konnte es nicht ertragen. Die ihr so sympathische
Regine Hildebrandt starrte sie von einem überlebensgroßen,
unvorteilhaften Foto jeden Tag aufs Neue an. Gerd spürte förmlich
die Erleichterung der Frau, als er die nächste Kampagne klebte.
Die beiden sind zufrieden mit ihrem Job. Zwar
sind die Arbeitstage hart, doch das war auch früher schon so.
Bei dem gelernten Lackierer standen immer ein paar Wartburgs vor
der Tür, die nach Feierabend auf neue Farbe warteten.
Auch heute gibt es keinen Achtstundentag. Sie
müssen noch ein paar Kilo Papier verkleben, bevor der Kofferraum
leer ist.
Portrait Elke und Gerd Uschmann
Halle, 15. Mai 1999
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